(K)eine Frage der Klasse - Klassismus und reproduktive Gerechtigkeit
Gemeinsamer Fachtag der Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung e.V. und pro familia Niedersachsen e.V.
Klassismus als Ausdruck systematischer Abwertung, Benachteiligung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihrer ökonomischen Lage spielt im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs keine große Rolle. Dabei ist Klassismus kein individuelles Einstellungsproblem, sondern wird in und durch Institutionen, Praktiken und Denkformen weiter manifestiert. Auch Akteur:innen sozialer Institutionen und Gleichstellung bewegen sich innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Klassistische Vorannahmen können dabei beeinflussen, welche Erfahrungen gehört und wessen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Ungleiche Chancen werden somit weiter reproduziert.
Mit dem gemeinsamen Fachtag haben die Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung e.V. und pro familia Niedersachsen e.V. das Thema aufgegriffen und in den Kontext von reproduktiver Gerechtigkeit gestellt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Geschlecht und klassistische Strukturen Selbstbestimmung und Zugänge zur Familienplanung, Gesundheitsversorgung und gesellschaftlicher Teilhabe prägen. Dabei wurden sowohl die gesundheitliche, als auch die beraterische und intersektionale Perspektive in den Blick genommen.
Silke Gardlo, Leiterin der Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung, Mathilda Rieck und Dr.in Karin Jakubowsk, Vorstand pro familia Niedersachsen e.V. begrüßten die Teilnehmenden. Isabelle Rogge führte als Moderatorin durch das Programm, das nach einem Vortrag überging in Workshops. Wortwerkerin HannaH Rau setzte mit ihrem SlamRecording einen kreativer Schlusspunkt.
Reproduktive Gerechtigkeit als Klassenfrage
Wer kann sich selbstbestimmt für oder gegen Kinder entscheiden und mit ihnen in Würde und Sicherheit leben? Welche Kinder sind gesellschaftlich erwünscht? Fragen reproduktiver Gerechtigkeit sind immer auch Fragen sozialer Verhältnisse. Die Journalistin und Autorin Brigitte Theißl sprach in ihrer Keynote über Wahlfreiheit in der Klassengesellschaft und darüber, wie klassistische Zuschreibungen Debatten rund um Verhütung, Abtreibung und Kinderkriegen prägen.
Klassismus, Geschlecht und Gesundheit
Gesundheit ist sozial ungleich verteilt – Klassismus und Geschlechterverhältnisse spielen dabei eine zentrale Rolle. Der Workshop mit Prof. Dr. Claudia Hövener, Alice Salamon Hochschule Berlin, zeigte auf, wie soziale Herkunft, Armutserfahrungen und geschlechtsbezogene Ungleichheiten Gesundheit, Belastungserleben und Zugänge zu Versorgung beeinflussen. Im Fokus standen Diskriminierung, strukturelle Barrieren sowie Ressourcen, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze für eine diversitätsorientierte Praxis in Beratung, Sozialer Arbeit und Gesundheitswesen.
Klassismus im Kontext von Beratung
Was alles macht Klassismus aus? Wie kommen wir in die Wahrnehmung von solchen Handlungen oder vielleicht auch nur Gesten und Reaktionen, durch die Menschen sich ggf. nicht wahr-, ernstgenommen, beschämt oder zurückgesetzt fühlen, weil sie bei den beratenden Fachkräften selbst gar nicht in den Fokus geraten? Wie können wir damit umgehen, wenn wir bemerken, dass die Kommunikation aus dieser Ebene nicht stimmt und wir den Kontakt verlieren? Diesen Fragen ging Prof. Dr. Marion Mayer, Alice Salomon Hochschule Berlin, gemeinsam mit den Teilnehmenden nach.
Intersektionalität als Konzept und als Gleichstellungspraxis
„Intersektionalität“ geprägt haben Schwarze anti-koloniale, anti-klassistische Feministinnen. Dr. Margrit E. Kaufmann, Universität Bremen, erläuterte die Geschichte und Bedeutung, um Intersektionalität als Konzept verstehbar zu machen. Im Anschluss daran erarbeiteten die Teilnehmer:innen die Bedeutung intersektionaler Haltungen für Gerechtigkeitspraxen und ihren Arbeitsalltag.
Klassismus erkennen – Handlungsmöglichkeiten in der Gleichstellungsarbeit
Die Verwirklichung des Verfassungsauftrag zur Gleichberechtigung versteht sich auch als Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Gleichstellungsstrukturen und Beratungsangebote bewegen sich innerhalb gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Klassismus bleibt dabei häufig wenig sichtbar. Wen erreichen Gleichstellungsangebote, welche unbewussten Normen und Erwartungen prägen die Angebote, Beratungen und Kommunikation? Wie können Gleichstellungsbeauftragte klassismussensibler handeln und Zugänge gerechter gestalten? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmerinnen im Workshop mit Dipl. Soz. Päd. Annette Wiede, Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung e.V.

